Märchen von der Sandalette (30.06.2022)

 

Vita Licht ( Svetlana Ratzlaff)

 

Übersetzung vom Gerd Petri

 

Eine Sandalette lag lange Zeit in einem großen Karton. Im Karton war es leer, dunkel und sehr einsam. Die Sandalette raschelte mit dem Seidenpapier, betastete die Wände des Kartons, lauschte den Geräuschen, die von außen zu ihr drangen und wartete und wartete und wartete… Doch worauf sie eigentlich wartete, das wusste sie selber nicht.

Die Zeit verging, und sie war es leid, nur immer dazuliegen. Sie stand auf und lüftete, ganz unerwartet für sich selbst, den Deckel. Grelles Licht und eine Vielzahl von Geräuschen blendeten und betäubten sie. Die Welt außerhalb der Kartonwände erwies sich als farbenfroh und laut. Alles da draußen war in Bewegung, hastete und rannte hin und her. Autos bahnten sich mit ungeduldigem Hupen ihren Weg. An schicken Läden und Restaurants entstiegen ihnen elegante Herrenschuhe, und kokette Damenschuhe oder Stiefeletten hupften ihnen hinterher. Schwarze, auf Hochglanz polierte Uniformschuhe öffneten ihnen die Türen in eine der Sandalette unbekannte Welt, die mit bunten Lichtern und mitreißender Musik lockte.

Die Sandalette kletterte aus dem Karton und ging die Straße entlang. Passanten warfen ihr abschätzige Blicke zu und schauten ihr herablassend hinterher. Da musterte die Sandalette ihr Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe, ob sie wohl irgendwelche Mängel an sich habe. Wie bitte? Was stimmt denn nicht mit ihr? Sie hat zwar keinen besonders hohen, aber immerhin doch einen Absatz. Auch einen Riemen. Weiches Leder und eine gefällige Farbe. Sogar eine kleine Perlmuttperle schmückt die Schnalle. „Also wirklich, mit mir ist alles in Ordnung“, dachte die Sandalette, während sie sich von allen Seiten betrachtete.

Sie drehte sich auf dem Absatz um und beschloss, auf die andere Straßenseite zu wechseln, wo sich ein riesiges Geschäft befand. Vor dem Eingang war ein weicher Teppich ausgebreitet. An den Türen standen blaue und orangefarbene Plastikpalmen in Kübeln aus echtem Holz, und das ganze Bauwerk war gekrönt von buntschillernden Neonbuchstaben, die zusammen ein Wort ergaben: SCHUHPARADIES.

Autos stoppten vor dem Eingang. In einem nicht enden wollenden Reigen kamen die unterschiedlichsten Vertreter der Schuhwelt aus diesen zum Vorschein und stellten hochnäsig voreinander ihre Lederflanken und Riemen zur Schau, die mit Strasssteinchen und Labels teurer Hersteller geschmückt waren. Hochmütig und ohne Eile begaben sie sich in den lockenden Bauch des SCHUHPARADIESES.

Ein prächtiger Chevrolet bremste und fuhr angeekelt durch eine Pfütze. Schmutzige kalte Tropfen fielen auf die Sandalette hernieder. Doch sie bemerkte das gar nicht. Aus dem Chevrolet heraus betraten zwei strahlende Gottheiten den Asphalt. Sie schritten hoheitsvoll und ohne Hast, verströmten den Duft teuren Parfums, und ihr hervorragend bearbeitetes Leder knarrte bei Bewegung kein bisschen, sondern gab Töne von sich, als würde es atmen.

Diesem Paar königlicher Himmelsbewohner folgend erschienen rote Damenlackschuhe mit turmhohen Absätzen und Stiefeletten aus hauchzartem Wildleder mit weißem Plateau auf dem Asphalt. Ungeduldig traten sie neben dem Wagen von einem Fuß auf den anderen, während ihr großartiger Gönner den Umstehenden ausgiebig Gelegenheit gab, ihn zu bewundern. Schließlich geruhte der Strahlende Herr, sich zu den Türen des Schuhparadieses zu begeben. Die Lackschuhe und die Stiefeletten eilten ihm nach.

Als der Strahlende Herr an der Sandalette vorbeiging, blieb er auf einmal stehen. Hätte die Sandalette ein Herz gehabt, dann hätte es wohl wie verrückt geklopft, und hätte sie über Atem verfügt, so hätte ihr dieser, wie die Menschen sagen, gewiss gestockt. Aber die Sandalette hatte weder das eine noch das andere, und deshalb hielt sie einfach nur ganz still. Mit einem schneeweißen Taschentuch wischte der Strahlende Herr die schmutzigen Tropfen von ihrem Riemen und schob sie sanft zum Eingang ins Schuhparadies.

Die roten Lackschuhe und die Stiefeletten tauschten ungnädige Blicke, krausten eifersüchtig ihre hübschen Näschen und wollten zuerst noch widersprechen:

„Was wollen Sie denn mit diesem Dummchen?“

„Klappe halten!“, hatte der Herr ihnen das Wort abgeschnitten. Und sie hielten die Klappe.

Ach, was für Waren da in den Vitrinen des Schuhparadieses standen! Kokette Damenhandtäschchen, luxuriöse Clutches, gediegene Aktentaschen, Koffer aus Krokodilleder begrüßten die Kunden als Erste. Die nun folgenden Regale waren von allen erdenklichen Geldbörsen und Portmonees, Kosmetiktäschchen und Brillenetuis mit Beschlag belegt. Ein Hauch von grenzenlosem Luxus lag in der Luft.

Bedächtig wandelnde Käufer begutachteten breite Herrengürtel mit massiven Schnallen und schmale geflochtene Damengürtel, wählten Parfum und Lederpflegemittel aus. All dies wurde leise, bedächtig und mit Sachkunde erörtert.

Als sie das Strahlen des nähertretenden Herrn und seines Gefolges bemerkten, verstummten alle sofort und traten ehrfürchtig auseinander. Zwei Paar Schuhverkäuferschuhe mit seitlich angebrachtem Schuhparadies-Logo eilten dem ehrenwerten Gast sogleich entgegen.

„Was für eine Ehre für uns!“

„Was können wir für Sie tun?“, plapperten sie durcheinander.

„Ich brauche einen Hut und ein Paar dazu passende Handschuhe“, antwortete der Strahlende Herr. „Suchen Sie alles so aus, dass diese Sandaletten hier mit uns harmonieren.“

Die Schuhverkäuferschuhe musterten die verlegene Sandalette ganz ungeniert, sahen einander an und erstarrten.

„Was stehen Sie da so blöd herum? Na los! An die Arbeit!“, brüllte sie der Strahlende Herr an.

„Um Vergebung, doch scheint uns, dass es keinen zu dieser Sandalette passenden Hut und auch keine passenden Handschuhe für Sie geben kann.“

„Ich pfeife drauf, was Ihnen scheint“, fuhr ihnen der Strahlende Herr dazwischen.

„Entschuldigen Sie bitte“, widersprach das zweite Paar Schuhverkäuferschuhe ganz leise, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. „Diese Sandalette ist ein Einzelstück. Verstehen sie? Das gehört sich nicht. Man wird Sie falsch verstehen. Eine Sandalette ohne Gegenstück – das ist doch peinlich“, endete es kaum hörbar.

Der Strahlende Herr wich vor der Sandalette zurück, streifte sie mit einem abschätzigen Blick und verkündete dann laut seine neue Anordnung:

„Meine Bestellung für Hut und Handschuhe bleibt bestehen, und diese hier“, sagte er und zeigte dabei auf die verschreckte Sandalette, „entfernen Sie unverzüglich aus dem Saal!“

Der Strahlende Herr strich die Sandalette für immer aus seinem Gesichtskreis und verließ eiligst den Ort seiner Blamage. Die Roten Lackschuhe und die Wildlederstiefeletten stießen die neugierigen Gaffer zur Seite und folgten ihm. Es wäre unverzeihlich dumm gewesen, so eine günstige Gelegenheit zu verpassen. Jede hielt sich für die Beste und machte sich Hoffnungen, wieder Favoritin zu werden. Die Lackschuhe beeindruckten alle mit ihrer Eleganz und ihren bewundernswerten Manieren, und die Wildlederstiefeletten waren die eindrucksvollsten Modelle aus der neuesten Kollektion eines angesagten Couturiers. Die Verkäufer packten die von allen verachtete Sandalette von beiden Seiten, beförderten sie schnurstracks durch den Personaleingang nach draußen und warfen sie auf den Hinterhof.

Nach dem Verkaufsraum erschien der Hinterhof als ganz besonders düsterer Ort. In der Dunkelheit konnte man hören, wie unzählige Rattenpfoten von einem Müllcontainer zum anderen liefen und im Abfall nach etwas Essbarem scharrten. In der hintersten Ecke fing jemand laut an zu schmatzen. Sogleich stürzte die ganze Rattenhorde in Richtung dieser Laute. Anscheinend reichte die aufgefundene Nahrung nicht für alle, denn es waren nun Kampfgeräusche vermischt mit jämmerlichem Gefiepe zu hören.

Die Sandalette verbarg sich in einem Laubhaufen und fing leise an zu weinen.

„Was heulst du denn?“, fragte sie jemand von oben. „Warte kurz, ich komm‘ mal zu dir `runter“, sagte der Unbekannte und sprang beherzt von einem Stapel alter Schuhkartons.

„Aus dem Paradies vertrieben?“, fragte er.

„Ja“, nickte die Sandalette zur Antwort. „Verstehst du, ich schäme mich, es zuzugeben, aber ich bin allein, ohne Gegenstück, ohne den zweiten Schuh, und das ist doch peinlich!“

„Und wenn schon! Ich bin ein Bastschuh und auch allein. Man hat mich als Schaufensterdekoration angefertigt. Den zweiten Bastschuh haben sie sich gespart – man hätte uns sowieso nicht gekauft. Solche Schuhe trägt heutzutage niemand mehr. Zu Unrecht! Denn ich bin sehr bequem! Die modernen Schuhmodelle sehen natürlich toll aus und so, aber das sind doch Gefängnisse für die Füße. Als ich im Schaufenster stand, habe ich gehört, wie die Zehen und Fersen der Schaufensterpuppen erleichtert aufatmeten, sobald man sie von diesen sündhaft teuren Luxusfesseln befreite! Ich dagegen bin aus Bast gemacht, mich kann man den ganzen Tag tragen, ohne müde zu werden. Schau mal“, sagte der Bastschuh und demonstrierte der Sandalette seine biegsamen, nach Linde riechenden Flanken und seine mit Weidenruten verstärkte Sohle.

„Toll!“, stieß die Sandalette begeistert aus.

„Lass uns hier weggehen“, schlug der Bastschuh vor. „Was nutzt uns dieses Paradies? Die Welt ist so groß und interessant!“

Wie sich herausstellte, erstreckte sich eine Wiese hinter dem Hoftor. Echtes duftendes Gras wuchs darauf. Die Blumen verströmten einen solch zarten Wohlgeruch, dass selbst das teuerste Parfum wie ein ätzendes Gift im Vergleich dazu erscheinen musste.

Der Bastschuh und die Sandalette gingen auf einer unbefestigten Landstraße. Ein großer grüner Grashüpfer sprang ihnen voraus, hielt von Zeit zu Zeit an, rieb seine Beine an den Flügeln und gab ein lustiges Geräusch von sich: „tschtschtsch – tschtschtsch – tschtschtsch“. Fleißige Ameisen trugen endlos viele Stöckchen und kleine Zweige in ihre Großkommune. Eine blühende Akazie lockte Honigbienen an und beschenkte sie mit süßem gesundem Nektar.

Da verstummte der Grashüpfer auf einmal, die Ameisen suchten eiligst einen Unterschlupf und die Bienen kreisten noch emsiger um die Akazienblüten. Die ersten großen Regentropfen schlugen den warmen Staub auf die Straße nieder. Die Luft wurde weicher, und eine Minute später ergoss sich ein Platzregen. Der erste Regen im Leben der Sandalette.

Der Bastschuh fasste sie unter und drehte sich mit ihr unter den warmen Wasserströmen, die der Himmel großzügig spendete, im Kreise. Das machte einen Heidenspaß! Doch allmählich wurden seine Bewegungen langsamer und seine Schritte schwerer. Schließlich trat er in eine große trübe Pfütze, ließ die Sandalette fallen und wurde ganz still. Glückselig quoll er auf und ließ Bläschen aufsteigen. Die Sandalette versuchte ihn wachzurütteln, doch der Bastschuh nahm zügig Wasser auf, schwoll immer weiter an und verlor schließlich völlig seine Form.

Der Regen wurde stärker und stärker und das Wasser in der Pfütze stieg und stieg. Die Sandalette machte, dass sie aus der Pfütze herauskam, doch die unbefestigte Landstraße bot ihr auch keine Rettung. Durch den Regen hatte sie sich in einen zähen schmutzigen Brei verwandelt. Mit Mühe und Not schaffte es die Sandalette bis zu einem rettenden Akazienbusch und verbarg sich vor dem Regen unter seinen Ästen.

Sie hatte keinen Schimmer, wie es jetzt weiter gehen sollte. Auf der aufgeweichten Landstraße zurückzugehen war illusorisch, außerdem brauchte sie dort sowieso niemand. Die Sandalette schaute aus der Entfernung auf den inzwischen vollends durchweichten Bastschuh und bereitete sich auf ein ähnliches Ende vor.

Gegen Abend gesellte sich ein rätselhaftes Dröhnen zu den Regengeräuschen. Es wurde lauter und lauter, und bald sah die Sandalette, wie Soldatenstiefel in großer Zahl auf der schlammigen Landstraße im Stechschritt daherkamen. Die Marschkolonne näherte sich unausweichlich der Pfütze, in der der völlig willenlose Bastschuh liegen geblieben war. Die Sandalette schrie aus Leibeskräften und hörte dann, wie eine strenge Kommandostimme befahl:

„Kompanie – halt!“

Zwei Offiziersstiefel aus Chromleder knallten vor ihr mit den Absätzen.

„Was ist los, Mademoiselle? Warum schreien Sie so?“, fragten sie.

„In der Pfütze dort liegt ein Bastschuh“, antwortete die Sandalette, „Ihre Soldaten werden ihn noch zertreten.“

„Aber woher denn, Mademoiselle! Das haben wir gleich.“

Kaum hatte sich die Sandalette versehen, als der Bastschuh auch schon aus der Pfütze auf den Straßenrand getragen war und sie selbst sich in der Kabine des Offiziersautos befand. Die Marschkolonne setzte ihren Weg fort. Schon bald bog die Straße ab, und die Sandalette konnte ihren am Straßenrand zurückgelassenen Freund nicht mehr sehen.

„Nicht traurig sein, Mademoiselle! Das ist er nicht wert“, sagten die Offiziersstiefel. „Er wäre Ihnen keine Stütze gewesen. Doch beachten Sie bitte: Wir sind aus echtem Kalbsleder gemacht. Das ist eines der besten Materialien für Schuhoberleder. Glatte Oberfläche! Lackiertes Schuhwerk bekommt früher oder später Risse, doch Chromlederstiefel - niemals. Das Futter und die Sohle sind ebenfalls aus Leder. Keinerlei Synthetik! Absolut dauerhaft! Und natürlich ohne jeglichen Firlefanz wie Schleifchen oder Riemchen! Wir sind zuverlässig und seriös!“

Derart überzeugenden Argumenten konnte sich die Sandalette einfach nicht verschließen. Und wirklich, von so einem zuverlässigen Gefährten konnte man doch nur träumen!

„Wo fahren wir denn hin?“, fragte sie.

„Wieso – wohin? Zur Kaserne“, antworteten die Offiziersstiefel. „Du wirst schon sehen, was für eine perfekte Ordnung da bei uns herrscht! Der Exerzierplatz ist asphaltiert und absolut sauber. Wir können bei jedem Wetter marschieren. Weder Schmutz noch Pfützen! Abends nimmt jeder Soldatenstiefel seinen Platz auf dem Regal ein, aber wir zwei, wir haben unsere eigene beschlagene Truhe. Alt, aber sehr solide.“

Die Offiziersstiefel hatten nicht gelogen. Alles traf genau so ein. Sobald sie in der Kaserne ankamen, erhielt die Sandalette von den Offiziersstiefeln einen Lappen, einen Eimer Wasser und einen Besen.

„Wenn ich wiederkomme, hast du dir den Straßenschmutz abgewaschen und die Truhe geputzt“, kommandierten die Offiziersstiefel und duzten sie auf einmal.

Zum ersten Mal hatte die Sandalette ein richtiges Zuhause! Und sie gab ihr Bestes, damit es blitzsauber darin war! Aber sie wusste nicht, wohin mit dem Schmutzwasser. Sie stellte den Eimer beiseite, machte es sich in einer Ecke bequem und schlief ein.

Spät in der Nacht wurde die Sandalette von einem lauten Krach geweckt, der von dem umgeworfenen Eimer herrührte. Die Offiziersstiefel, die auf dem überschwemmten Boden keinen festen Halt fanden, überzogen sie mit einer Schimpfkanonade:

„So eine bist du also! Ich ziehe dich aus dem Dreck, und du veranstaltest in meiner Truhe so eine Schweinerei! Du bist wirklich das Allerletzte! Dein Platz ist in der Gosse!“

Der linke Offiziersstiefel, der nach Urin roch, stieß den leeren Eimer zur Seite und der rechte Offiziersstiefel, an dem Reste von Erbrochenem klebten, gab der Sandalette einen Tritt. Ein Berberitzenstrauch, der bei der Kaserne wuchs, nahm die Sandalette auf und beherbergte sie bis zum Morgengrauen.

Als die Sandalette erwachte, reckte und streckte die Sonne sich bereits auf ihren Wolkenkissen und sandte ihre Strahlen über die Erde aus. Ein flinker Spatz wusch sich im Morgentau und trank von diesem reinsten Nass. Ein Hirschkäfer rannte geschäftig vorbei, eilig unterwegs in allein ihm bekannten Angelegenheiten. Eine dunkelgraue Natter mit zwei großen hellen Flecken am Kopf kroch lautlos zur Sandalette, betrachtete sie in aller Ruhe und entfernte sich dann wieder.

„Ich muss hierbleiben, unter diesem Busch“, dachte die Sandalette. „Das Gras wird allmählich wachsen, im Herbst wird der Strauch mich mit seinem Laub überhäufen, im Winter wird Schnee über mich fallen und niemand wird mich mehr in meiner Ruhe stören.“

Eine große feuchte Schnauze beschnupperte die Sandalette von allen Seiten, mächtige Reißzähne fassten sie vorsichtig an den Riemen und vier starke Hundepfoten trugen sie davon, schneller als der Wind. Zurück blieben die Kaserne, die blühende Wiese und das Schuhparadies, und der Hund lief und lief immer weiter. Schließlich hielt er an einem kleinen Häuschen mit einem gepflegten Garten und einer mit Schnitzerei verzierten Sommerlaube.

„Grey, du Stromer, wo treibst du dich herum?“ Ein zierliches Mädchen, dünner als ein Zweig, rief nach dem Hund.

„Was bringst du denn da?“, fragte sie. „Eine Sandalette?! - Meine Sandalette! Braver Hund! Wo hast du sie bloß gefunden?“

Der Hund sah sein Frauchen glücklich an und wedelte mit dem Schwanz, was das Zeug hielt.

„Oma, schau doch, meine vermisste Sandalette ist wieder da!“, sagte das Mädchen.

Grey hielt sie immer noch zwischen den Zähnen, und deshalb konnte die Sandalette die Großmutter nicht so richtig erkennen. Sie sah nur, wie trockene, faltige Hände das Strickzeug auf den Knien ablegten und den Hund über den zotteligen Kopf streichelten. Grey legte die Sandalette der alten Frau zu Füßen.

„Na, was sitzt du denn da, Dummkopf!“, sagte die Oma. „Bring schnell die zweite hierher.“

In diesem Moment blickten ein Paar alte, völlig abgetragene, vielfach vom Schuster geflickte Filzstiefel die Sandalette an.

„Jetzt bist du Zuhause“, sprachen sie sanft.

„Aber mir fehlt doch mein passendes Gegenstück“, entgegnete die Sandalette zaghaft.

„Das stimmt nicht“, widersprachen die Filzstiefel. „Zu jedem gibt es ein passendes Gegenstück. Man muss es nur finden und nie mehr verlieren.“

Zur Bestätigung dieser Worte stellte Grey neben die Sandalette das zu ihr passende Gegenstück, ihr Spiegelbild, das ihr freundlich mit der kleinen Perlmuttperle zuzwinkerte.

Frankfurt am Main

 

 

 

 

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