Der Pfeilvogel (31.07.2020)

 

Alexander Weiz

 

In grauer Urzeit hatte es auf der Erde eine Vogellegende gegeben. Die lautete so: Irgendwo in den Himmelshöhen gibt es eine schwebende Paradiesinsel. Auf dieser Insel wachsen nur Bäume, Gras und herrliche Blumen. Da gibt es keine Raubtiere und keine Raubvögel. Alle Vögel waren begeistert von dieser Vogellegende. Jeder Vogel war bemüht, dorthin zu kommen, um dort in Frieden zu leben, aber keiner hatte es bisher geschafft. Alle umkreisten die Erde von Norden bis Süden, von Westen bis Osten, sie flogen immer höher in die Lüfte hinein, in der Hoffnung, diese Paradiesinsel zu finden.

Da lebte zu dieser Zeit auf der Erde ein schneller Pfeilvogel. Er baute jedes Jahr ein Nest auf einem Eichenbaum. Er legte Eier und brütete jährlich drei Pfeilvögel aus.

Aber immer wieder passierte es, dass eines oder zwei der Jungen aus dem Nest fielen. Und diese Küken erwartete dann ein grausames Schicksal: sie wurden von Raubtieren und Raubvögeln aufgefressen. Der Pfeilvogel war jedes Mal bemüht, seine Küken zu finden, aber immer vergebens. Enttäuscht gab er die Suche auf. Was er aber nicht aufgab, war die Hoffnung, eine Stelle auf dieser Erde zu finden, wo es keine Raubtiere und keine Raubvögel gibt. Bis jetzt hatte er solch eine Stelle nirgends gefunden.

Auch im diesem Jahr brütete er wieder drei junge Pfeilvögel aus. Die Vögel waren klein und unerfahren. Sie versuchten, aus dem Nest zu fliegen. Eines von ihnen schlug ungeschickt mit den Flügeln und stürzte in die Tiefe hinab, aber da unten war schon sein Schicksal besiegelt.

Eines Tages verließ der Pfeilvogel alle seine Artgenossen, um für seine künftige Brut einen sicheren Platz auf der Erde zu finden. Und da kam ihm die alte Vogellegende von der Paradiesinsel in den Sinn.

Sein Ziel war jetzt, weiter und höher zu fliegen, um die schwebende Paradiesinsel zu erreichen.

Der Pfeilvogel schwang sich mit seinen breiten Flügeln in die Luft, stemmte sich gegen den Wind, jauchzte erfreut auf und schwebte über Flüssen und Wäldern. Eines Tages erreichte er den Gipfel des höchsten Berges der Erde, und da gingen ihm plötzlich die Kräfte aus, er ließ sich erschöpft nieder und ruhte aus. Danach erhob er sich wieder in die Lüfte, breitete die kräftigen Flügel aus und erstarrte in der Luft. Und da geschah ein Wunder. Auf seiner Suche nach der schwebenden Paradiesinsel begegnete er einem Wunschzauberer, der auf der schwebenden Paradiesinsel lebte und gerade auf dem Weg zur Erde war.

Da sprach ihn der Pfeilvogel an: „Hilf mir, Zauberer, die schwebende Paradiesinsel zu erreichen!“

Da sagte der Zauberer: „Allen, die ich auf meinem Weg zur Erde oder zur schwebenden Paradiesinsel treffe, kann ich einen Wunsch erfüllen.

„Ach“, sagte der Pfeilvogel, „ich möchte doch so gerne die Paradiesinsel erreichen und dann gleich wieder zu meinen kleinen Jungen auf die Erde zurückkehren.“

Der Wunschzauberer berührte mit seinem Zauberstock den Pfeilvogel und sagte zu ihm:

„Es soll so geschehen, wie du dir es wünschst.“

Der Pfeilvogel machte nur einige Flügelschläge, und schon befand er sich auf der schwebenden Paradiesinsel. Das war ein berauschender Anblick, er kam aus dem Staunen nicht heraus. Er hörte plötzlich die Bäume sprechen. Sie kämmten sich und ließen ihr Blätterhaar in verschiedenen Farben spielen, ihre Stämme wechselten ihre Borkenanzüge. Er hörte das Gras sprechen und sah, wie es sich wusch, Morgengymnastik machte, ein Sonnenbad nahm und mit den Tautropfen Ball spielte. Und die Blumen, die dort so unbekümmert blühten und herrliche Düfte ausstrahlten.

Aber das allergrößte Wunder auf dieser Insel war der Obstschafbaum. Er strahlte von innen unglaubliche Energie aus. Auf dieser schwebenden Paradiesinsel herrschte nur Frieden, Freude und große Liebe.

Der Pfeilvogel sah den Obstschafbaum von oben bis unten an und fragte ihn dann: „Schafbaum, erlaub mir bitte, von deinen Ästen einige Energiefrüchte zu pflücken!“ Er bekam die Erlaubnis und aß sofort eine Frucht auf. Und er spürte plötzlich eine unglaubliche Energie. Und er nahm noch etwas für unterwegs mit. Eine hielt er im Schnabel, zwei in den Fußkrallen. Und er glitt stolz von der Paradiesinsel zur Erde hinab.

Aber mit welcher großen Freude wurde er auf der Erde empfangen, als er mit den drei Obstenergiefrüchten ankam. Alle Vögel wollten wissen, was das auf sich hatte mit der unglaublichen Geschichte mit der schwebenden Paradiesinsel.

Der Pfeilvogel gab seinen Jungen etwas von diesen Früchten und fraß auch selbst etwas davon. Und sofort bekamen sie unglaubliche Energie. Alle schwangen sich in die Luft mit ihren wohl gebauten Flügeln, streckten stolz die Hälse aus und schrien frohlockend. Sie zogen drei Kreise in der Luft und verschwanden in den Höhen des Himmels.

Alle Pfeilvögel kamen glücklich auf der schwebenden Paradiesinsel an. Und niemals dachten der Pfeilvogel und seine Jungen wieder zur Erde zurückzukehren, und man sah auch nie wieder Pfeilvögel auf der Erde.

Bis heute noch schreien alle Vogel zum Himmel und suchen nach der schwebenden Paradiesinsel, aber sie werden sie nie finden. Ihr Instinkt treibt sie in die Luft, und sie fliegen höher und höher in der Hoffnung, diese Insel zu finden. Aber alles vergeblich.

Wenn diese Insel im Himmel noch nicht verschwunden ist, dann leben die Pfeilvögel bis heute noch dort ein glückliches Leben.

Das Märchen ist zu Ende, aber der Leser und der Hörer können sich das alles noch mal ruhig durch den Kopf gehen lassen.

 

 

 

 

↑ 407